ETF-Police oder ETF-Sparplan: Der ehrliche Vergleich

Stand: 1. Oktober 2026 (Modellrechnung neu aufgesetzt) · Rechtsstand: § 20 Abs. 1 Nr. 6 EStG (Halbeinkünfteverfahren, Teilfreistellung 15 %), § 20 Abs. 9 EStG (Sparerpauschbetrag), § 32d EStG (Abgeltungsteuer), § 18 und § 20 InvStG (Vorabpauschale, Teilfreistellung 30 %), § 22 Nr. 1 EStG (Ertragsanteil)

Kurz gesagt: ETF-Sparplan und ETF-Police investieren in dieselben Fonds – der Unterschied liegt in Kosten, Steuern und Flexibilität. Der Sparplan im Depot ist günstiger (laufende Kosten oft unter 0,3 Prozent) und jederzeit verfügbar; Gewinne werden mit Abgeltungsteuer belastet, bei Aktien-ETFs nach 30 Prozent Teilfreistellung, und jährlich fällt die Vorabpauschale an. Die Police kostet mehr (Effektivkosten meist 0,6 bis 1,5 Prozent), erlaubt dafür steuerfreie Umschichtungen, und bei Auszahlung nach zwölf Jahren und ab 62 wird nur die Hälfte des Gewinns nach 15 Prozent Teilfreistellung mit dem persönlichen Steuersatz besteuert; als lebenslange Rente greift die Ertragsanteilsbesteuerung. In unserer Modellrechnung über 30 Jahre (200 € monatlich, 6 % Marktrendite, 30 % Steuersatz im Ruhestand, Kapitalauszahlung) liegt der Sparplan nach Steuern vorn, sobald die Police mehr als rund 0,2 Prozentpunkte pro Jahr teurer ist – der laufende Kostennachteil wiegt schwerer als der einmalige Steuervorteil. Für die Police sprechen ein niedriger persönlicher Steuersatz im Ruhestand, häufige Umschichtungen oder der Wunsch nach einer lebenslangen Rente; eine längere Laufzeit hilft ihr nicht, weil die Kosten jedes Jahr auf das gesamte Kapital wirken. Oft ist die Kombination am stärksten.

Wer heute für das Alter spart, landet fast immer bei ETFs. Die Frage ist nur, in welcher Hülle: als Sparplan im Depot oder als fondsgebundene Rentenversicherung, die inzwischen von vielen Anbietern als „ETF-Police“ verkauft wird. Beide Wege haben Anhänger, die den jeweils anderen für einen Fehler halten. Wir rechnen beide vor – mit den Steuerregeln, die 2026 gelten, und mit Zahlen, die Sie nachvollziehen können.

Was für den ETF-Sparplan spricht

  • Kosten. Ein breit gestreuter Aktien-ETF kostet 0,1 bis 0,3 Prozent im Jahr, viele Broker führen Sparpläne ohne Ordergebühr aus. Es gibt keine Abschlusskosten, keine Verwaltungskosten der Hülle, keine Kosten für Garantien.
  • Verfügbarkeit. Sie kommen jederzeit an Ihr Geld, können Raten ändern, aussetzen oder Teilbeträge entnehmen – ohne Stornoabzug.
  • Transparenz. Depotauszug, Kurse und Kosten sind täglich sichtbar. Es gibt keinen Vertrag, den man verstehen muss.
  • Steuerlich solide. Auf Gewinne fällt Abgeltungsteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag an (zusammen 26,375 Prozent), bei Aktien-ETFs mit mindestens 51 Prozent Aktienanteil aber erst nach einer Teilfreistellung von 30 Prozent – effektiv also rund 18,5 Prozent des Gewinns. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person und Jahr bleibt steuerfrei.

Der Haken im Depot ist die Vorabpauschale: Auch bei thesaurierenden ETFs, die nichts ausschütten, wird jährlich ein fiktiver Mindestertrag besteuert (Basiszins × 70 Prozent des Fondswerts zu Jahresbeginn, höchstens der tatsächliche Wertzuwachs; § 18 InvStG). Die gezahlte Steuer wird beim Verkauf angerechnet, mindert aber den Zinseszins, weil das Geld früher abfließt.

Was für die ETF-Police spricht

  • Steuerfreie Umschichtungen. Innerhalb der Police können Sie Fonds wechseln, ohne dass Gewinne besteuert werden. Wer in 30 Jahren mehrfach die Strategie ändern will – etwa vor Rentenbeginn in sicherere Anlagen –, zahlt im Depot bei jedem Wechsel Steuern, in der Police nicht.
  • Keine Vorabpauschale. Während der Laufzeit fällt keine Steuer an; der Zinseszins läuft ungestört.
  • Das Halbeinkünfteverfahren. Wird das Kapital nach mindestens zwölf Jahren Laufzeit und frühestens mit 62 ausgezahlt, ist nur die Hälfte des Gewinns steuerpflichtig – mit dem persönlichen Steuersatz (§ 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 2 EStG). Zuvor wird eine Teilfreistellung von 15 Prozent abgezogen (Satz 9). Bei einem persönlichen Steuersatz von 30 Prozent im Ruhestand werden also rund 12,75 Prozent des Gewinns Steuer fällig, bei 42 Prozent rund 17,9 Prozent. Zum Vergleich: Im Depot sind es nach Teilfreistellung rund 18,5 Prozent des Gewinns. Der Steuervorteil der Police schrumpft also mit steigendem Steuersatz und kehrt sich ab etwa 43 Prozent um – ein niedriger Steuersatz im Ruhestand spricht für die Police, ein hoher nicht.
  • Die Rentenoption. Lassen Sie sich das Kapital lebenslang verrenten, wird nur der Ertragsanteil besteuert – bei Rentenbeginn mit 67 sind das 17 Prozent der Rente (§ 22 Nr. 1 Satz 3 EStG). Das Langlebigkeitsrisiko trägt der Versicherer.
  • Disziplin und Ablaufmanagement. Wer weiß, dass er in Krisen verkauft, ist mit einem Vertrag, an den man nicht so leicht herankommt, manchmal besser bedient. Das ist ein psychologisches, kein finanzielles Argument.

Der entscheidende Faktor: die Kosten der Police

Der Steuervorteil der Police ist real, aber begrenzt. Ob er die höheren Kosten ausgleicht, entscheidet sich an der Effektivkostenquote – der Kennzahl, die jeder Anbieter ausweisen muss und die angibt, um wie viele Prozentpunkte die jährliche Rendite durch alle Kosten sinkt. Klassische Provisionstarife liegen oft zwischen 1,0 und 1,8 Prozent, gute Nettotarife (ohne Abschlussprovision, dafür gegen Honorar) zwischen 0,4 und 0,8 Prozent. Beim Depot liegt die vergleichbare Größe bei 0,2 bis 0,4 Prozent.

Unsere Modellrechnung – bewusst vereinfacht, damit sie nachrechenbar bleibt: 200 Euro monatlich über 30 Jahre, jeweils zu Monatsbeginn eingezahlt (72.000 Euro insgesamt). Angenommene Marktrendite 6 Prozent pro Jahr vor Kosten; die Effektivkosten werden davon abgezogen (bei 0,7 Prozent also 5,3 Prozent netto) und der Nettozins monatlich verzinst. Auszahlung als Kapital nach 30 Jahren, persönlicher Steuersatz im Ruhestand 30 Prozent. Steuer im Depot: 26,375 Prozent auf 70 Prozent des Gewinns (Abgeltungsteuer mit Solidaritätszuschlag nach 30 Prozent Teilfreistellung). Steuer in der Police: persönlicher Steuersatz auf die Hälfte von 85 Prozent des Gewinns (Halbeinkünfteverfahren nach 15 Prozent Teilfreistellung; Voraussetzung: zwölf Jahre Laufzeit und Auszahlung ab 62). Bewusst nicht berücksichtigt: die jährliche Vorabpauschale im Depot (verringert das Depotergebnis etwas), der Sparerpauschbetrag (verbessert es), Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer auf die Einkommensteuer der Police, Umschichtungen während der Laufzeit (wirken für die Police) sowie Ratenanpassungen und Dynamiken. Die Rendite ist eine Annahme, keine Prognose.

VarianteEffektivkosten p. a.Endwert vor SteuernSteuer bei KapitalauszahlungNetto
ETF-Sparplan im Depot0,3 %rund 185.500 €rund 21.000 € (26,375 % auf 70 % des Gewinns von 113.500 €)rund 164.600 €
ETF-Police, Nettotarif0,7 %rund 172.700 €rund 12.800 € (30 % auf die Hälfte von 85 % des Gewinns von 100.700 €)rund 159.900 €
ETF-Police, Provisionstarif1,0 %rund 163.700 €rund 11.700 €rund 152.000 €
ETF-Police, teurer Tarif1,5 %rund 150.000 €rund 9.900 €rund 140.000 €

Eigene Modellrechnung, Stand 1. Oktober 2026; eingezahlt jeweils 72.000 €. Rundung auf 100 €. Methode: siehe Absatz oberhalb der Tabelle.

Die Police zahlt bei Auszahlung nur rund 60 Prozent der Steuer des Depots – und liegt trotzdem hinten, sobald sie mehr als etwa 0,2 Prozentpunkte pro Jahr teurer ist (Break-even in diesem Modell: Effektivkosten der Police von rund 0,53 Prozent gegenüber 0,3 Prozent im Depot). Der Kostenunterschied wirkt jedes Jahr auf das gesamte Kapital, der Steuervorteil nur einmal am Ende. Wie empfindlich das Ergebnis ist, zeigen drei Varianten derselben Rechnung: Bei einem Steuersatz von 20 Prozent im Ruhestand darf die Police rund 0,4 Prozentpunkte teurer sein, bei 42 Prozent praktisch gar nicht mehr. Über 20 Jahre liegt der erlaubte Kostenaufschlag bei rund 0,27 Prozentpunkten, über 40 Jahre nur noch bei rund 0,19 – eine längere Laufzeit verbessert die Police also nicht, sie verschlechtert sie. Die Zahlen sind eine Modellrechnung mit vereinfachten Annahmen; die tatsächliche Rendite ist unbekannt, und Umschichtungen, Vorabpauschale und Sparerpauschbetrag können die Reihenfolge im Einzelfall verschieben.

Wann die Police vorn liegt

Die Rechnung kippt zugunsten der Police, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: ein Nettotarif, dessen Effektivkosten nur wenig über denen des Depots liegen, ein niedriger persönlicher Steuersatz im Ruhestand (dann ist das Halbeinkünfteverfahren deutlich günstiger als die Abgeltungsteuer), regelmäßige Umschichtungen, die im Depot jedes Mal Steuern auslösen, oder der Wunsch nach einer garantierten lebenslangen Rente. Eine lange Laufzeit allein ist kein Argument für die Police – sie vergrößert den Kostennachteil. Umgekehrt ist das Depot fast immer besser für kürzere Horizonte, kleinere Sparraten, hohen Flexibilitätsbedarf und für alle, die den Sparerpauschbetrag noch nicht ausschöpfen.

Kapitalauszahlung oder lebenslange Rente: zwei getrennte Rechnungen

Die Tabelle vergleicht nur die Kapitalauszahlung. Wer das Kapital als lebenslange Rente beziehen will, rechnet anders: In der Police wird die Rente mit dem Ertragsanteil besteuert (bei Rentenbeginn mit 67: 17 Prozent der Rente mit dem persönlichen Steuersatz), und der Versicherer trägt das Risiko, dass Sie älter werden als kalkuliert; dafür bestimmt der vereinbarte Rentenfaktor, wie viel Rente je 10.000 Euro Kapital gezahlt wird – oft weniger, als ein eigener Entnahmeplan bei gleicher Lebenserwartung ergäbe. Im Depot entnehmen Sie selbst; jede Entnahme enthält einen Gewinnanteil, der mit Abgeltungsteuer nach Teilfreistellung belastet wird, und das Kapital kann vor dem Lebensende aufgebraucht sein oder vererbt werden. Welche Variante besser ist, hängt von Lebenserwartung, Rentenfaktor, Steuersatz und dem Wunsch nach Planbarkeit ab – das lässt sich nicht in einer Zahl ausdrücken, sondern nur mit den konkreten Tarifwerten rechnen.

Unser Fazit: oft ist die Kombination am stärksten

Für den größten Teil des langfristigen Vermögensaufbaus ist der ETF-Sparplan im Depot die einfachere und meist günstigere Lösung. Eine ETF-Police in Form eines kostengünstigen Nettotarifs kann daneben sinnvoll sein für den Teil des Vermögens, der im Alter als lebenslange Rente ausgezahlt werden soll, und für Anleger, die im Ruhestand mit einem niedrigen persönlichen Steuersatz rechnen oder ihre Anlage über die Jahre umschichten wollen. Was nicht funktioniert: eine teure Provisionspolice mit dem Argument „steuerfrei“ zu verkaufen – die Steuer ist nicht null, und die Kosten sind es erst recht nicht.

Wir legen in der Beratung beide Rechnungen nebeneinander, mit Ihren Zahlen, Ihrem Steuersatz und den tatsächlichen Effektivkosten des jeweiligen Tarifs. Bei der Geldanlage arbeiten wir mit einer transparenten Servicegebühr, wie auf der Seite zur Investmentberatung beschrieben; welche geförderten Alternativen es daneben gibt, steht im Beitrag zum Altersvorsorgedepot 2027.

Häufige Fragen

Ist die ETF-Police steuerfrei?
Nein. Bei Kapitalauszahlung nach zwölf Jahren und ab 62 ist die Hälfte des Gewinns nach 15 Prozent Teilfreistellung mit dem persönlichen Steuersatz zu versteuern; bei Verrentung der Ertragsanteil. Vor Ablauf der zwölf Jahre oder vor 62 gilt die Abgeltungsteuer auf den vollen Gewinn nach Teilfreistellung.

Was ist die Vorabpauschale und wie hoch ist sie?
Eine jährliche Vorab-Besteuerung thesaurierender Fonds im Depot auf Basis des Basiszinses (vom Bundesfinanzministerium jährlich festgelegt) multipliziert mit 70 Prozent, höchstens in Höhe des tatsächlichen Wertzuwachses. In der Police fällt sie nicht an.

Kann ich eine ETF-Police vorzeitig kündigen?
Ja, mit Rückkaufswert. In den ersten Jahren liegt er wegen der Abschlusskosten unter den eingezahlten Beiträgen, und der Steuervorteil entfällt, wenn die zwölf Jahre nicht erreicht sind.

Was ist ein Nettotarif?
Ein Versicherungstarif ohne einkalkulierte Abschluss- und Vertriebsprovision. Die Beratung wird stattdessen über ein Honorar vergütet; die Effektivkosten liegen deutlich niedriger als bei Provisionstarifen.

Lohnt sich eine Beitragsgarantie in der Police?
Für lange Laufzeiten in der Regel nicht: Garantien kosten Rendite, weil ein Teil des Kapitals sicher angelegt werden muss. Wer die Schwankungen nicht aushält, sollte eher die Aktienquote senken als eine Garantie kaufen.

Depot, Police oder beides?

Wir legen beide Rechnungen mit Ihren Zahlen, Ihrem Steuersatz und den tatsächlichen Effektivkosten nebeneinander – unabhängig, mit transparenter Servicegebühr bei der Geldanlage.

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Quellen

FaireFinanzen-Redaktion

Dieser Beitrag wurde von der FaireFinanzen-Redaktion auf Grundlage der im Text genannten Primärquellen erstellt (Stand siehe oben). Redaktionell verantwortlich: Sven Chalupa, registrierter Versicherungsmakler (§ 34d Abs. 1 GewO) aus Berlin. Mehr über Sven Chalupa und das Team →

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